Onkel Jürgen

Planmäßig würde das hier anders anfangen. Planmäßig stünde hier eine launige Eröffnungsbemerkung, ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat der Gattin vielleicht, als Einleitung zum mehr oder minder erfolgreichen Versuch, sich mit dem Anschein von Selbstironie über die Abgabe durchaus ernst gemeinter Neujahrsgrüße hinweg zu schummeln. Womöglich sogar rechtzeitig zum neuen Jahr, mindestens aber mit tie-in zum Rücktritts des Bundespressesprechers.

Planmäßig fällt diesmal leider aus.

Was viel damit zu tun hat, wo der Klugscheißer gerade sitzt, da er diese Zeilen schreibt, nämlich im Zug. Nein, das gibt keine Deutsche Bahn-Pointe. Überhaupt gibt es diesmal keine Pointe. Weil der Klugscheißer am Tag davor nämlich auch schon saß (darin ist er gut, die Gattin kann’s bestätigen). Und zwar in Ruhleben.

Ruhleben ist ein Teil von Berlin und heißt richtig so: dort liegt nämlich das Krematorium. Im Krematorium selbst hat der Klugscheißer zwar nicht gesessen, aber nahebei – in einer Halle, in der ein Sarg aufgebahrt war (es gehört zu den unauslöschlichen charakterlichen Fehlern des Klugscheißers, dass er, wo er diese Zeilen schreibt, sich fragt, ob in dem Sarg eigentlich was drin war, was eingeäschert wird, oder ob der immer gleiche Sarg als Requisit für die zeitlich eng disponiere Abfolge von Trauerfeiern herhalten muss). Der Klugscheißer war Gast auf einer Trauerfeier.

Betrauert wurde ein Doktor und Professor. Ein echter, kein Geguttenbergter, in Ehren pensioniert. Gestorben am 8. Januar, nach Hospitalisierung über den Jahreswechsel. Unter vielen anderen Dingen war der Professor auch ältester Onkel des Klugscheißers. Und unter vielen anderen Dingen jemand, den der Klugscheißer sehr bewundert hat. Auch wenn er irgendwie nie dazu gekommen ist, ihm das so zu sagen.

Damit war – soviel hat er auf der Feier erfahren – der Klugscheißer nicht allein. Mit dem Nichtsagen nicht. Und mit dem Bewundern noch weniger. Nicht nur, weil der Professor ein brillant kluger Kopf war – das sind viele Professoren. Was immer die deutschen Universitäten sonst auch sein mögen, ein Magnet für kluge Köpfe sind sie auf jeden Fall. Sondern weil er ein brillant kluger Kopf und ein netter Mensch war. Einer der nicht nur druckreif reden konnte, sondern auch zuhören – richtig zuhören. Der Menschen seine Aufmerksamkeit in einer Weise schenken konnte, dass sie wussten, für diesen einen Moment gibt es für ihn niemand wichtigeres auf der Welt. Der dabei Fragen stellte, und klugen Rat zu geben wusste, wenn man ihn darum bat. Mit dem reden und mit dem zuhören hat er Generationen von angehenden Wissenschaftlern und Pädagogen in seine Bann geschlagen. Und seinen Neffen, Nichten, deren Partner und Familie (eigene Kinder hatte er nicht, und die Schwestern sind zeitlebens gegen seinen Charme immun geblieben).

Der Professor hieß Jürgen Raschert. Und kaum einer weiß, dass er einer der maßgeblichen Köpfe hinter dem zaghaften Versuch deutscher Sozialdemokraten war, in den Hochzeiten ihrer Macht das Schulsystem der alten Bundesrepublik für das 20. Jahrhundert zu reformieren und es zu etwas anderem zu machen als der Kitt sozialer Privilegien.

Dass das Projekt gescheitert ist, sagt wahrscheinlich mehr aus über die Bundesrepublik, ihre Sozialdemokraten und den tiefsitzenden Unwillen von Menschen, die Jauchegrube zu verlassen, die sie kennen, wenn die Blumenwiese so fremd riecht und verdächtig bunt aussieht, als über den Professor. Dass aber außer denen, die sich auch in den Jahrzehnten seitdem mit ihm an vielen kleinen und nicht-ganz-großen Bildungsreformen und Schulprojekten abgearbeitet haben, außer seinen ehemaligen Studenten und Mitarbeitern kaum einer weiß, wie wichtig seine Gedanken und seine Arbeit für eine Debatte waren und sind, die noch lange nicht ausgestanden ist, das sagt dafür umso mehr.

»Er war gut im Freund sein, schlecht im kommunizieren« hat ihm ein langjähriger Bewunderer bescheinigt. Netzwerken, sein Institut zu einer ›Schule‹ ausbauen, das lag ihm nicht. Streiten erst recht nicht, auch wenn er stur und durchaus nachtragend sein konnte. Aber der Klugscheißer hat ihn nie ein böses Wort über einen anderen Menschen sagen hören – auch nicht über die, die er im Unrecht gesehen hat. Die Gewissheit, im Vollbesitz der wissenschaftlichen Faktenlage zu sein, genügte ihm vollauf. Irgendwann würde sich die Erkenntnis schon bei den Entscheidungs- und Bedenkenträgern durchsetzen.

Damit war er gar nicht so weit weg von der Gewissheit des Nerds, wenn die Welt erstmal erklärbar sei, werde sich alles schon zum besten richten. Ein analoger Nerd, einer, der die Tageszeitung diesem Internet, dass er zeitlebens nie betreten hat, vorzog, und für den die Klassik-CD der einzige Medienbruch ins Digitale war, den er je gebilligt hat.

Dass die Welt sich nicht richtet, wenn sie richtig erklärt worden ist, dass die Macht der Fakten erst erkämpft werden muss – geschenkt. Wäre es anders, dann stünde dieser Nachruf – ein besserer, eher – im ›Spiegel‹, nicht auf dem Popelsblog seines Neffen. Und das dreigliedrige Schulsystem wäre heute eine »als ich so alt wie du war«-Geschichte, die der Klugscheißer seinem Ältesten erzählen könnte – Papa redet vom Krieg. Hätte der Professor gestritten, wäre er vielleicht berühmt geworden. Er hat es nicht gewollt.

Was er von jenen jungen Geistesverwandten hielt, die das Streiten für die Macht der Fakten vor seiner Haustür entdeckt haben – der Klugscheißer weiß es nicht. Es war keine Zeit mehr, darüber zu reden. Was sie von ihm gehalten hätten, ob sie ihn als einen der Ihren erkannt hätten – wer weiss. Jetzt ist es zu spät.

Für’s Berühmt werden ganz bestimmt. Für’s Durchsetzen der Fakten – da ist sich der Klugscheißer nicht so sicher. Redet eben irgendwann Opa vom Krieg. Und von seinem Onkel Jürgen.

Die Fußnote ist das Problem.

Führende Politiker der FDP bezeichneten die personelle Neuaufstellung als überzeugenden Neubeginn. Angesichts des Fachkräftemangels …
Der Deutschlandfunk, natürlich. Na gut, der Satz ging weiter, aber für einen Moment hat sich der Klugscheißer gefreut.

Deutschlandfunk

Derzeit geht der Klugscheißer mal wieder einer geregelten Tätigkeit nach, sehr zur Billigung der Gattin. Das hat eine Menge Vor- und ein paar Nachteile. Wobei zu letzteren, neben der eher unfreiwilligem Entdeckung des Slow Blogging, auch die tägliche Notwendigkeit gehört, ein Auto zu fahren (der Klugscheißer hat nichts gegen Autos. Er fährt sie nur nicht gerne).

Da sich Twittern am Steuer als schwierig und der Konsum von RSS als nicht eben verkehrssicher erwiesen hat, hat sich der Klugscheißer darauf verlegt, in seinem rollenden Knast die Zeit mit Radio zu verbringen. Und damit wären wir auch schon beim Thema.

Nun ist der Klugscheißer eindeutig nicht die Zielgruppe des Deutschlandfunks (katholische Gymnasialabsolventen ab Mitte 50). Aber zwischen prima Sendungen zum korrekten Umtopfen von Balkonpflanzen, Phone-Ins mit medizinischen Experten zum Thema Fußnagelhygiene und Impro-Comedy erster Güte (kürzlich etwa ein vermeintlicher Technologieredakteur, der zum ersten Mal ein »Täblett Kompjuta« in der Hand hielt. Und sich beklagte, der sei so wahnsinnig kompliziert und unübersichtlich. So gut gelaunt ist der Klugscheißer morgens selten unterwegs. Und der Kaffee ging auch gut von der Konsole wieder ab) wirkt die Ernsthaftigkeit, mit der die Deutschlandfunker ihrem Informations- und Bildungsauftrag nachgehen, nun ja, entschleunigend. Nur die Morgendandacht nervt.

Gestern Abend jedenfalls war ›Andruck‹ dran. ›Andruck‹ ist auch so eine prima Sendung. In ›Andruck‹ werden Bücher vorgestellt, aus den Bereichen GeschichtePolitikKultur. Eine Biographie Ludendorffs etwa, aber die hat der Klugscheißer leider verpasst. Mitgekriegt hat er dafür die Vorstellung von ›Digital ist besser‹, angekündigt als »Gegen-Schirrmacher«.

Ja, da musste der Klugscheißer auch erstmal kurz denken.

Dennoch: sehr wohlwollend die Besprechung, alles in allem. Vielleicht wegen Schirrmacher. Oder weil das mit dem Redakteur doch keine Impro war, da ist sich der Klugscheißer im Nachhinein nicht mehr ganz sicher. Allein, ein kritischer Einwand blieb: dass in der »Flut von Informationen im Internet« die »wirklich wichtigen Nachrichten« zu leicht untergingen.

Das kennt der Klugscheißer von seiner Twitter-Timeline. Gestern Morgen etwa:

Meine Twitter-Timeline am Morgen des 2. Mai 2011

SignalRauschen-Nutzverhältnis nennt man das. Aber das erklär’ jetzt mal einer dem Deutschlandfunk.

als wie nie.

Vielleicht ist es ja sogar jemandem aufgefallen. Also: jemandem außer der Gattin. Die hat nämlich gefragt.

Jedes Jahr, so kurz vor Ende, ist der Klugscheißer sonst in seine Höhle verschwunden. War ein, zwei Tage nicht ansprechbar. Und ist wieder aufgetaucht, wenn er einen ausreichend großen Satz Karten erschaffen hatte, um diverse Menschen zum neuen Jahr zu bescheren.

Zum neuen Jahr wohlgemerkt, nicht früher. Das schuldet man sich als Klugscheißer mit solid linksliberalem, mithin gottesfernem Elternhaus. Wobei der Hinweis auf die Sozialisierung im laizistischen Frankreich, wo ja ohnehin der Übergang ins neue Jahr der eigentliche Anlass zu Gratulationen sei, auch nicht fehlen durfte.

Zum neuen Jahr also. Gab es für die Bescherten grafischen Mätzchen, die unverkennbar die Nationalität des Klugscheißer verorteten (Deutscher, Untergruppe designorientierte Mittelschicht, der Gestaltungswillen dementsprechend invers zu den dazugehörigen Fähigkeiten sowie Stil und gutem Geschmack). Im letzten Jahr in der Variante »wir lernen jQuery«, samt Exkurs zu einem Thema, das nun wirklich keiner braucht.

Diesmal sind die Karten ausgefallen.

Gut, sind viele Dinge ausgefallen, dieses letztes Jahr. Die Deutsche Bahn zum Beispiel großflächig und ganzjährig. OK, die hatten mit unvorhergesehenen Naturereignissen zu kämpfen, der Klugscheißer nicht, und im Gegensatz zur Bahn ist das beim Klugscheißer wahrscheinlich den wenigsten Menschen aufgefallen. Dafür hat der Klugscheißer der Bahn aber eines voraus: das ungute Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben.

Und zwar nicht nur auf so eine ganz gewöhnliche um-die-dinge-hättste-dich-mal-besser-gekümmert-Art. Sowas ist für ›die Kaffeemaschine mal warten lassen‹, bevor Freund Alex das Internetz von Ersatzteilen leer kaufen muss (danke, Alex). Oder das Auto abstoßen, bevor es schneller Bauteile verliert, als man ›Wertverlust‹ buchstabieren kann. Nein nein. Schon mehr so richtig.

Und um dem abzuhelfen, ohne die Jahresendergüsse samt Output nachträglich Auferstehung feiern zu lassen, will der Klugscheißer jetzt nur noch eins sagen:

Schön, euch 2010 gesehen zu haben.
Schade, euch 2010 nicht gesehen zu haben.
Auf hoffentlich bald. 2011.

Denn wie heißt es so richtig: besser

Whatever

Kennt ihr Christian Lindner? Das ist der Typ mit dem Dreitagebart und dem Dackelblick, der auf einem Stuhl bei ›Hart aber Fair‹ festgeklebt worden ist, im Nebenberuf Generalsekretär einer kleinen Partei. Der, der so tapfer die Prügel für einen Anderen einsteckt und dabei mit seinen geröteten Augen immer den Eindruck macht, er wünsche sich eigentlich nur, man würde ihn mal ganz doll knuddeln. Der personifizierte mitfühlenden Liberalismus.

Nun ist Wiedergängertum im TV nix, was hier mit Text vergolten wird – fehlt noch. Nicht mal beim Plasberg. Die Zeiten sind vorbei, dass man dazu als Politiker noch cojones brauchte.

Lindners Parteizugehörigkeit wäre da schon eher was, aber die Gattin hat mit Auszug gedroht, sollte der Klugscheißer nochmals in ihrer Hörweite seine Meinung zur FDP ventilieren.

Nee. Was den Klugscheißer aus dem wohlverdienten Dämmerschlaf auf der linken Sofaflanke gerissen hat war etwas ganz unerwartetes. Von einem Politiker zumindest. Ein ganz ehrlicher Satz. Einer, der tiefe Einblicke gewährt. Aus dem Munde Christian Lindners.

Nun ist das wirklich nichts, was Politikern häufig passiert. Man könnte sagen, das ist genau das, was Politikern eigentlich nie passieren sollte. Sie müssen schon ziemlich am Ende sein, bevor ihnen so ein Satz rausrutscht. Und selbst dann fällt er in dem ganzen Politikerduktus meist gar nicht so richtig auf.

Des Klugscheißers bisheriger favourite in der Kategorie war von Peer Steinbrück. Der Mann war damals Ministerpräsident, musste vor der Kamera bekanntgeben, dass sein heißgeliebter Transrapid doch nicht den S-Bahn-Dienst nach Dortmund übernehmen würde, und sagte:

Manchmal ist Politik auch das Anerkennen der Wirklichkeit. Ich habe mich nach langer Überlegung dazu durchgerungen.*

Ja. Genau.

Christian Lindner hat am letzten Mittwoch auch so einen Satz gesagt. Es ging um die Bundespräsidentenwahl.

Bisher war der Klugscheißer hin und her gerissen. Nicht zwischen den Kandidaten, sondern zwischen Gleichgültigkeit und dem Gefühl, eine Meinung haben zu müssen.

Dass der alte zurückgetreten war: ärgerlich. Eine Woche früher, und ›Nummer 2 geht‹ wäre noch viel schöner geworden. Aber na gut. Dass die Koalition dann einen Politiker am Karriereende aufstellt, geschenkt – das hat Tradition. Einziger Fehler der Koalitionäre: das Einstiegsalter abzusenken. Nicht, weil Altersdemenz im Staatsamt eine gewissen Unterhaltungswert hätte (sie hat). Sondern weil es das Feld freigemacht hat für die Besetzung der Nationalopa-Nische durch SPD und Grüne.

Damit fingen nämlich Menschen, etwa der vom Klugscheißer hoch geschätzte Felix Schwenzel, plötzlich an, sich für den Herrn Pastor stark machen. Nicht nur, aber besonders im Internetz. Kleiner Sommertraum vom Sturz der Internetzversperrer durch die Geschmähten. Verständlich. Irgendwie reizvoll. Und wenn der Gegenkandidat so gelobt wird, sogar sehr sympathisch. Der Klugscheißer sympathisiert. Glaubt aber nicht an die Relevanz (und an den Erfolg erst recht nicht).

Christian Lindner hat mit einem einzigen Satz das Dilemma aufgelöst:

… wir möchten eine Bundespräsidenten haben, der gerade in dieser wirtschaftlichen Krisenzeit ökonomische Zusammenhänge erklären kann – das kann Christian Wulff.

Und welche Zusammenhänge soll der neue Präsident den Bürgern wohl erklären? Genau.

Also, die Wahl zum neuen Regierungssprecher kann der Klugscheißer wirklich mit gutem Gewissen ignorieren.

* In etwa – das Universalgedächnis hat den Klugscheißer dazu schmählich im Stich gelassen. Komme hier keiner mit »Das Netz vergisst nie«.

Ich quatsch’ einfach noch ein bisschen

»Du twitterst?«. Der Klugscheißer verkneift sich alles, der ungläubig-belustigte Ton der Kollegin reicht. Sogar die Bemerkung, dass es »tweeten« heisst. Bleibt ungesagt. Es fällt schwer.

Ja, wenn es Facebook wäre. Alle sind auf Facebook. OK, sie regen sich auf. Aber am liebsten auf Facebook. Und wenn schon des Klugscheißers Geschwister die Mutter nicht ›frienden‹ wollen, weil das jetzt doch irgendwie zu persönlich wird (»Mama, nicht böse sein, aber geht gar nicht«), dann hat man in Palo Alto Ubiquität erreicht. Doch.

Twitter dagegen ist für die Spinner. Nerds. Lichtscheue Gestalten mit übergroßer Technikliebe (›Technik-affin‹ sagen die richtigen Medien dazu, aber das klingt nach Milchverarbeitung. Käse vor allem). Und überhaupt … Leute, die ihr Frühstück im SMS-Stil in die Welt posaunen. Oder Bürgermeister ihrer Eckkneipe werden. 140 Zeichen Meinungsrülpser. Im Stakkato. Braucht ja wohl keiner.

Nun könnte der Klugscheißer was von der Bedeutung signifikanzreduzierter Spontankommunikation im halböffentlichen Raum faseln, aber … wozu? Geht nämlich einfacher: Grand Prix. Nee, nicht Vettel, Schumi & Co. Der andere. Haben ja ein paar gesehen. Der Klugscheißer auch.

Kandidatenschau hart an der Freakgrenze. Rückungen zählen, natürlich (weniger als sonst, dafür dieses Jahr bevorzugt synchron mit Windstössen aus der Maschine). Belgien fällt aus, weil der Kater rein will. Soll ja einer der ›mal-was-anderes-probieren‹-Acts gewesen sein, ein ›ßinga-sonkreita‹ (Peter Urban). Dazu ein Stadionkracher (Frankreich), einmal Rammstein light (Türkei), eine Chartskompatible Pop-Hop-Nummer (Deutschland) und einmal Tonausfall (England – Stock, Aitken, Waterman. Schon immer scheisse). Der Rest wie gewohnt: zwanzig mal Grand Prix Eurovision de la Fahrstuhlmusik (die Gattin). Mit Inbrunst vorgetragen von Menschen, die Gott-sind-die-drüber-Outfits bewohnen. Und passende Frisuren.

Ertragen kann das der Klugscheißer nur als Camp.

Also Twitter. Nicht weil Twitter Camp wäre (an sich). Sondern weil Camp eben nur lustig ist, wenn man im Kollektiv das Kommentarniveau nach unten treibt (Ziellinie Marianengraben – gefühlt). Alkohol hilft. Viele sein hilft. Zwanzig sein auch. Zwei kleine Kinder zuhause sind eher hinderlich. Insbesondere wenn die Gattin kategorisch dekretiert, dass man am nächsten morgen Dienst hat. Früher hätte der Klugscheißer sie dafür eben von der linken Sofaflanke solo totkalauert (Startlinie Marianengraben – gefühlt). Vorgestern aber hat er sich einfach das Kollektiv im Internetz dazu geliehen.

Halb Twitter saß mit auf dem Sofa. Blödelte um die Wette. Jubelte. Schämte sich fremd. Oder wunderte sich einfach. Und hat Lena schon gratuliert, als man beim NDR noch vor sich hin dämmerte.

Und dann sind alle gegangen. Einfach so. Ohne die Nachbarn zu wecken. Hinterlassen nur ein sauberes Sofa und gute Laune. Null peinliche Erinnerungen – Twitters Gedächtnis ist gnädig kurz.

Natürlich twittert der Klugscheißer. Ihr etwa nicht?

Mit besonderem Dank an @spreeblick und @DWDL für großartige Unterhaltung, und an die junge Susan Sarandon zwischen all den Frank-N-Furtern, Lena. Großartiges Titelzitat.

Nummer 2 geht

Endlich.

Was hat er genervt. Das ewige Genörgel. Die Kraftmeierei. Der Wille immer größer als die Fähigkeiten. Mutti anmotzen, wenn sie nicht hinguckt, das konnte er; aus der Ecke getraut hat er sich dann aber doch nie. Anstrengend ist da noch zu milde als Wort.

Aus. Vorbei.

Er hat erkannt, es bleibt ihm nichts anderes. Und geht. Endlich eben.

Ach so, ja, der Koch auch. Das freut den Klugscheißer, aber kommentieren … nä, muß nich’. Wenn der Gattin liebstes Lokalblatt vom »brutalst möglichen Rücktritt« titelt, ist das geistige Eis schon zu dünn. Und des Klugscheißers Meinung über Koch, R., MP bald a.D., war von jeher mit dem nahe liegenden Endreim erledigt. Schon in Ordnung, das mit dem Gehen. Ändert wohl nicht viel – vorerst. Aber was erwartet man.

Da hält sich der Klugscheißer lieber an einen, der zukunftsweisend geht. Und freut sich. Aber mal richtig:

Mit Dank an die Gattin fürs Draufhalten. Und überhaupt.