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Ich quatsch’ einfach noch ein bisschen

»Du twitterst?«. Der Klugscheißer verkneift sich alles, der ungläubig-belustigte Ton der Kollegin reicht. Sogar die Bemerkung, dass es »tweeten« heisst. Bleibt ungesagt. Es fällt schwer.

Ja, wenn es Facebook wäre. Alle sind auf Facebook. OK, sie regen sich auf. Aber am liebsten auf Facebook. Und wenn schon des Klugscheißers Geschwister die Mutter nicht ›frienden‹ wollen, weil das jetzt doch irgendwie zu persönlich wird (»Mama, nicht böse sein, aber geht gar nicht«), dann hat man in Palo Alto Ubiquität erreicht. Doch.

Twitter dagegen ist für die Spinner. Nerds. Lichtscheue Gestalten mit übergroßer Technikliebe (›Technik-affin‹ sagen die richtigen Medien dazu, aber das klingt nach Milchverarbeitung. Käse vor allem). Und überhaupt … Leute, die ihr Frühstück im SMS-Stil in die Welt posaunen. Oder Bürgermeister ihrer Eckkneipe werden. 140 Zeichen Meinungsrülpser. Im Stakkato. Braucht ja wohl keiner.

Nun könnte der Klugscheißer was von der Bedeutung signifikanzreduzierter Spontankommunikation im halböffentlichen Raum faseln, aber … wozu? Geht nämlich einfacher: Grand Prix. Nee, nicht Vettel, Schumi & Co. Der andere. Haben ja ein paar gesehen. Der Klugscheißer auch.

Kandidatenschau hart an der Freakgrenze. Rückungen zählen, natürlich (weniger als sonst, dafür dieses Jahr bevorzugt synchron mit Windstössen aus der Maschine). Belgien fällt aus, weil der Kater rein will. Soll ja einer der ›mal-was-anderes-probieren‹-Acts gewesen sein, ein ›ßinga-sonkreita‹ (Peter Urban). Dazu ein Stadionkracher (Frankreich), einmal Rammstein light (Türkei), eine Chartskompatible Pop-Hop-Nummer (Deutschland) und einmal Tonausfall (England – Stock, Aitken, Waterman. Schon immer scheisse). Der Rest wie gewohnt: zwanzig mal Grand Prix Eurovision de la Fahrstuhlmusik (die Gattin). Mit Inbrunst vorgetragen von Menschen, die Gott-sind-die-drüber-Outfits bewohnen. Und passende Frisuren.

Ertragen kann das der Klugscheißer nur als Camp.

Also Twitter. Nicht weil Twitter Camp wäre (an sich). Sondern weil Camp eben nur lustig ist, wenn man im Kollektiv das Kommentarniveau nach unten treibt (Ziellinie Marianengraben – gefühlt). Alkohol hilft. Viele sein hilft. Zwanzig sein auch. Zwei kleine Kinder zuhause sind eher hinderlich. Insbesondere wenn die Gattin kategorisch dekretiert, dass man am nächsten morgen Dienst hat. Früher hätte der Klugscheißer sie dafür eben von der linken Sofaflanke solo totkalauert (Startlinie Marianengraben – gefühlt). Vorgestern aber hat er sich einfach das Kollektiv im Internetz dazu geliehen.

Halb Twitter saß mit auf dem Sofa. Blödelte um die Wette. Jubelte. Schämte sich fremd. Oder wunderte sich einfach. Und hat Lena schon gratuliert, als man beim NDR noch vor sich hin dämmerte.

Und dann sind alle gegangen. Einfach so. Ohne die Nachbarn zu wecken. Hinterlassen nur ein sauberes Sofa und gute Laune. Null peinliche Erinnerungen – Twitters Gedächtnis ist gnädig kurz.

Natürlich twittert der Klugscheißer. Ihr etwa nicht?

Mit besonderem Dank an @spreeblick und @DWDL für großartige Unterhaltung, und an die junge Susan Sarandon zwischen all den Frank-N-Furtern, Lena. Großartiges Titelzitat.

Nummer 2 geht

Endlich.

Was hat er genervt. Das ewige Genörgel. Die Kraftmeierei. Der Wille immer größer als die Fähigkeiten. Mutti anmotzen, wenn sie nicht hinguckt, das konnte er; aus der Ecke getraut hat er sich dann aber doch nie. Anstrengend ist da noch zu milde als Wort.

Aus. Vorbei.

Er hat erkannt, es bleibt ihm nichts anderes. Und geht. Endlich eben.

Ach so, ja, der Koch auch. Das freut den Klugscheißer, aber kommentieren … nä, muß nich’. Wenn der Gattin liebstes Lokalblatt vom »brutalst möglichen Rücktritt« titelt, ist das geistige Eis schon zu dünn. Und des Klugscheißers Meinung über Koch, R., MP bald a.D., war von jeher mit dem nahe liegenden Endreim erledigt. Schon in Ordnung, das mit dem Gehen. Ändert wohl nicht viel – vorerst. Aber was erwartet man.

Da hält sich der Klugscheißer lieber an einen, der zukunftsweisend geht. Und freut sich. Aber mal richtig:

Mit Dank an die Gattin fürs Draufhalten. Und überhaupt.

Eheliche Pflichten

Gut, das ist jetzt missverständlich. Aber es ist schon die Gattin, der zuliebe der Klugscheißer Frau Klum erträgt (und die sicher dabei gut auf den laufenden Kommentar von der linken Sofaflanke verzichten könnte. Die Gattin, nicht Frau Klum).

Da sagt Juror Dreitagebart-und-Künstlerbrille »nachhaltig«, wenn er »erfolgreich« meint, und die einzige Wimper, die zuckt, ist die des Klugscheißers. Wenn Frau Klum nicht gerade Sentenzen zum Modeldasein zu Protokoll gibt, feilt sie an ihrem Image als Puffmutter (»Die Mädchen müssen laufen!«). Oder sagt »Tschörmanies näckst Toppmodl«. Nach der Werbeunterbrechung (die der Klugscheißer verpasst, aber die Gattin hält ihn auf dem Laufenden. ›High Heel Mascara‹. Aha) löst sich die eine oder andere Kandidatin malerisch in Tränen auf. Weil das Sackhüpfen im Negligé den Kunden nicht überzeugt hat oder das Schlammcatchen zu Breakdance-Rythmen Kindheitstraumata berührt. Mädcheninternat trifft Spiel ohne Grenzen.

Dass die Kandidatinnen dabei nix zu melden haben ausser frisch-adrette Weiblichkeit darzustellen: nachvollziehbar. Schließlich muss die Sendung ja behaupten können, die neurotischen Zierpudel darunter hervorzulocken. Gut, braucht ein bisschen Perfidie im Schnitt, damit dann auch wirklich der Eindruck entsteht, dass keines der »Mädchen« einen Gedanken formulieren könnte, ohne dass ein Redakteur vorher Subjekt, Verb und Objekt farblich gekennzeichnet hat. Aber es macht schon alles irgendwie Sinn, das gesteht der Klugscheißer zu. So lenkt nämlich nichts vom Hauptzweck der Sendung ab:

Heidi Klum. In Großaufnahme. Im Bildvordergrund. Frontal.

Nach zwei Folgen ist sich der Klugscheißer sicher. Eigentlich bewirbt sich Frau Klum um eine Filmrolle. Machen Models nach dem Karriereende ja gern. Aber jetzt nicht als Sexpartnerin für B-Liga-Schmierlinge (oder gar schlimmeres). Nein, ihr geht es offensichtlich um höheres. Eine Hauptrolle. Im ›Jaws‹-Remake:

Und der Haifisch, der hat Zähne…

Das Wetter geht weiter!

Na gut: In NRW waren Landtagswahlen, das ließ sich kaum verpassen. Und wenn man wie der Klugscheißer aus dem vagen Gefühl heraus, da geht noch was, brav seine Kreuzchen gemacht hat (»Jeder nur zwei Kreuze«, ja ja), wenn auch nicht unbedingt bei den gesetzten Favoriten, aber das ist ein anderes Thema, dann will man auch gern das Ergebnis sehen (und damit meine ich nicht nur das numerische, obwohl das nach der Abschaffung der Automaten – böse Jungs hatten darauf eine Schachpartie gespielt, lange Geschichte – einen überraschenden Unterhaltungswert aufweist. Köln eben).

Mehrheitsfindung heißt das, glaube ich, und dazu bot des Klugscheißers Gattin geschätztes Lokalblatt am Dienstag nach der Wahl folgende Schlagzeile auf. Auf Seite 1:

Schlagzeile: SPD drängt zur Macht

Nä? Im Ernst, jetzt? So’ne große Partei? In ’nem demokratischen System?

Och.

Hätte der Klugscheißer gewusst, dass das mit der schützenswerten journalistischen Leistung so leicht ist, dann wäre er vielleicht bei der Stange geblieben:

Schwerkraft noch in Kraft!
Deutsche fahren Auto!
Das Wetter geht weiter!

Aber bitte nur auf der Titelseite.