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Deutschlandfunk

Derzeit geht der Klugscheißer mal wieder einer geregelten Tätigkeit nach, sehr zur Billigung der Gattin. Das hat eine Menge Vor- und ein paar Nachteile. Wobei zu letzteren, neben der eher unfreiwilligem Entdeckung des Slow Blogging, auch die tägliche Notwendigkeit gehört, ein Auto zu fahren (der Klugscheißer hat nichts gegen Autos. Er fährt sie nur nicht gerne).

Da sich Twittern am Steuer als schwierig und der Konsum von RSS als nicht eben verkehrssicher erwiesen hat, hat sich der Klugscheißer darauf verlegt, in seinem rollenden Knast die Zeit mit Radio zu verbringen. Und damit wären wir auch schon beim Thema.

Nun ist der Klugscheißer eindeutig nicht die Zielgruppe des Deutschlandfunks (katholische Gymnasialabsolventen ab Mitte 50). Aber zwischen prima Sendungen zum korrekten Umtopfen von Balkonpflanzen, Phone-Ins mit medizinischen Experten zum Thema Fußnagelhygiene und Impro-Comedy erster Güte (kürzlich etwa ein vermeintlicher Technologieredakteur, der zum ersten Mal ein »Täblett Kompjuta« in der Hand hielt. Und sich beklagte, der sei so wahnsinnig kompliziert und unübersichtlich. So gut gelaunt ist der Klugscheißer morgens selten unterwegs. Und der Kaffee ging auch gut von der Konsole wieder ab) wirkt die Ernsthaftigkeit, mit der die Deutschlandfunker ihrem Informations- und Bildungsauftrag nachgehen, nun ja, entschleunigend. Nur die Morgendandacht nervt.

Gestern Abend jedenfalls war ›Andruck‹ dran. ›Andruck‹ ist auch so eine prima Sendung. In ›Andruck‹ werden Bücher vorgestellt, aus den Bereichen GeschichtePolitikKultur. Eine Biographie Ludendorffs etwa, aber die hat der Klugscheißer leider verpasst. Mitgekriegt hat er dafür die Vorstellung von ›Digital ist besser‹, angekündigt als »Gegen-Schirrmacher«.

Ja, da musste der Klugscheißer auch erstmal kurz denken.

Dennoch: sehr wohlwollend die Besprechung, alles in allem. Vielleicht wegen Schirrmacher. Oder weil das mit dem Redakteur doch keine Impro war, da ist sich der Klugscheißer im Nachhinein nicht mehr ganz sicher. Allein, ein kritischer Einwand blieb: dass in der »Flut von Informationen im Internet« die »wirklich wichtigen Nachrichten« zu leicht untergingen.

Das kennt der Klugscheißer von seiner Twitter-Timeline. Gestern Morgen etwa:

Meine Twitter-Timeline am Morgen des 2. Mai 2011

SignalRauschen-Nutzverhältnis nennt man das. Aber das erklär’ jetzt mal einer dem Deutschlandfunk.

Ich quatsch’ einfach noch ein bisschen

»Du twitterst?«. Der Klugscheißer verkneift sich alles, der ungläubig-belustigte Ton der Kollegin reicht. Sogar die Bemerkung, dass es »tweeten« heisst. Bleibt ungesagt. Es fällt schwer.

Ja, wenn es Facebook wäre. Alle sind auf Facebook. OK, sie regen sich auf. Aber am liebsten auf Facebook. Und wenn schon des Klugscheißers Geschwister die Mutter nicht ›frienden‹ wollen, weil das jetzt doch irgendwie zu persönlich wird (»Mama, nicht böse sein, aber geht gar nicht«), dann hat man in Palo Alto Ubiquität erreicht. Doch.

Twitter dagegen ist für die Spinner. Nerds. Lichtscheue Gestalten mit übergroßer Technikliebe (›Technik-affin‹ sagen die richtigen Medien dazu, aber das klingt nach Milchverarbeitung. Käse vor allem). Und überhaupt … Leute, die ihr Frühstück im SMS-Stil in die Welt posaunen. Oder Bürgermeister ihrer Eckkneipe werden. 140 Zeichen Meinungsrülpser. Im Stakkato. Braucht ja wohl keiner.

Nun könnte der Klugscheißer was von der Bedeutung signifikanzreduzierter Spontankommunikation im halböffentlichen Raum faseln, aber … wozu? Geht nämlich einfacher: Grand Prix. Nee, nicht Vettel, Schumi & Co. Der andere. Haben ja ein paar gesehen. Der Klugscheißer auch.

Kandidatenschau hart an der Freakgrenze. Rückungen zählen, natürlich (weniger als sonst, dafür dieses Jahr bevorzugt synchron mit Windstössen aus der Maschine). Belgien fällt aus, weil der Kater rein will. Soll ja einer der ›mal-was-anderes-probieren‹-Acts gewesen sein, ein ›ßinga-sonkreita‹ (Peter Urban). Dazu ein Stadionkracher (Frankreich), einmal Rammstein light (Türkei), eine Chartskompatible Pop-Hop-Nummer (Deutschland) und einmal Tonausfall (England – Stock, Aitken, Waterman. Schon immer scheisse). Der Rest wie gewohnt: zwanzig mal Grand Prix Eurovision de la Fahrstuhlmusik (die Gattin). Mit Inbrunst vorgetragen von Menschen, die Gott-sind-die-drüber-Outfits bewohnen. Und passende Frisuren.

Ertragen kann das der Klugscheißer nur als Camp.

Also Twitter. Nicht weil Twitter Camp wäre (an sich). Sondern weil Camp eben nur lustig ist, wenn man im Kollektiv das Kommentarniveau nach unten treibt (Ziellinie Marianengraben – gefühlt). Alkohol hilft. Viele sein hilft. Zwanzig sein auch. Zwei kleine Kinder zuhause sind eher hinderlich. Insbesondere wenn die Gattin kategorisch dekretiert, dass man am nächsten morgen Dienst hat. Früher hätte der Klugscheißer sie dafür eben von der linken Sofaflanke solo totkalauert (Startlinie Marianengraben – gefühlt). Vorgestern aber hat er sich einfach das Kollektiv im Internetz dazu geliehen.

Halb Twitter saß mit auf dem Sofa. Blödelte um die Wette. Jubelte. Schämte sich fremd. Oder wunderte sich einfach. Und hat Lena schon gratuliert, als man beim NDR noch vor sich hin dämmerte.

Und dann sind alle gegangen. Einfach so. Ohne die Nachbarn zu wecken. Hinterlassen nur ein sauberes Sofa und gute Laune. Null peinliche Erinnerungen – Twitters Gedächtnis ist gnädig kurz.

Natürlich twittert der Klugscheißer. Ihr etwa nicht?

Mit besonderem Dank an @spreeblick und @DWDL für großartige Unterhaltung, und an die junge Susan Sarandon zwischen all den Frank-N-Furtern, Lena. Großartiges Titelzitat.